Inmitten des älteren Dorfkernes von Güls steht die von Linden umstandene alte Dorfkirche St. Servatius. Sie ist eine Perle unter den romantischen Dorfkirchen des Lahn- und Moselgebietes.
Die im 12. Jahrhundert erbauten unteren Geschosse des Turms sind bis über die gekuppelten Schallfenster aus Bruchsteinen erstellt. Das Glockengeschoss mit den dreiteiligen Schallöffnungen, deren Kleeblattbögen von je zwei Säulenpaaren getragen sind, zeigt eine schöne Gliederung von Lisenen, Gesimsen und Rundbogenfries. Diese Gliederung finden wir auch an dem übrigen Kirchenäußeren. Sie bindet, durch einen Sockel unterbaut, die Seitenschiffe mit den Emporen zu einer harmonischen Einheit.
Das Innere der 16,60 m langen und mit den Seitenschiffen 14,30 m breiten Kirche zeigt die für die spätromanischen Kirchen typische Harmonie von Arkaden, Emporenbögen und der ins Gewölbe abgerundeten Fensterzone. Auf attischen Basen stehen schwere Trachytpfeiler mit Platte und Kapitell. Sie tragen die spitzbogigen, abgetreppten Scheidbögen, über denen sich die Emporenöffnungen mit Kleeblattrahmung und darüber die Fensterzonen zu einer aufstrebenden Linie vereinen und abrunden. In den Kleeblattbögen befinden sich kaum mehr bzw. nicht mehr erkennbare Fresken der acht Seligkeiten, die wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammen. Die mächtige Waagerechte, die sich mit der aufsteigenden Linie der Arkaden, Emporenbögen und Fensterzonen etwa das Gleichgewicht hält, lenkt den Blick unwillkürlich zum Chorquadrat mit der Apsis, das sich neun Stufen über die Ebene des Langhauses erhebt, um die besondere Weihe des Altarraumes zu betonen. Unter dem Altarraum befindet sich nach verschiedener Deutung eine Krypta bzw. ein Durchgang.
Die Geschichte der alten Servatius-Kirche ist mit dem Schicksal unserer Heimat eng verbunden. In einer alten Urkunde wird die „Kapelle von Gulse“ schon für das Jahr 775 erwähnt. Sie wurde von Erzbischof Lullus von Mainz mit Erlaubnis Karls des Großen dem Kloster Hersfeld geschenkt und gelangte durch Übertragung im Jahre 1126 an das Stift Maastricht, was Erzbischof Balduin von Trier durch die Inkorporation im Jahre 1332 ausdrücklich bestätigte.
In die Zeit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts fällt auch der Bau der unteren Geschosse des Westturmes, wohingegen der Kirchenbau aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts stammt.
Der Chor und das große Chorfenster der im Jahre 1656 noch gut erhaltenen Kirche wurden 1686 erstmals renoviert. 1688 erhält die Kirche eine Sakristei. Nach der Verlegung des Gottesdienstes in die nach den Plänen von Lassaulx in den Jahren 1833 bis 1840 erbaute neue Kirche wurde die alte Kirche profaniert und geriet nach und nach in einen verwahrlosten Zustand. Eine 1932 eingeleitete Restaurierung wurde während des 2. Weltkrieges eingestellt. Die schweren Luftangriffe Ende 1944, die der Gemeinde Güls große Opfer an Menschen und Wohnstätten zufügten, legten das südliche Seitenschiff der alten Kirche in Trümmer. In den 50er Jahren konnten die Schäden behoben und die Kirche restauriert werden. Seitdem dient die Kirche wieder bei besonderen Anlässen als Stätte des Gottesdienstes.
Philipp Sabel und Herbert Meyer
